Biberalarm
Im Garten der Alten Schokoladenfabrik kam es in diesem Sommer zu ersten Bibersichtungen innerhalb der Privatgrundstücke an der Aurorastrasse – Biberalarm! Wie ein Lauffeuer gingen diese Nachricht und erste Bilder herum.
Lassen wir einen Bewohner zu Wort kommen:
«Der Biber machte sich bemerkbar, indem er zunächst das erste Fallobst frass und daraufhin einen Apfelbaum anknabberte. Zum Schutz wurde dessen Stamm schnell mit Maschenzaun gesichert. Der Biber wich daraufhin auf andere Ziele aus, fällte einen Rosenstrauch, bediente sich an den Himbeeren im Garten und brachte zwei kleine Apfelbäume zu Fall. Angesichts dieser Schäden kam die Idee auf, den Biber umzusiedeln. Ein Austausch mit dem Wildhüter ergab jedoch, dass dies aufgrund der Biberschutzbestimmungen nicht möglich war und das Revier ohnehin sofort von einem anderen Biber neu besetzt würde. Unbeeindruckt frass der Biber anschliessend die am Boden liegenden Mirabellen und knabberte sich einen Weg durch das hölzerne Gartentor. Schliesslich zog er weiter zu den nächsten Gärten …»
Ein Augenzeuge ein paar Häuser weiter vorne erzählt:
«10. August: Einer unserer Jungs kam aufgeregt rein und berichtete: ‹Der Baum von unserem Nachbarn wurde von einem Biber gefällt!› Etwas ungläubig, aber voller Aufregung eilten wir nach draussen. Tatsächlich! Da, wo am Morgen noch ein junger, sehr fruchtbarer Apfelbaum stand, war bloss noch ein angenagter Stumpf und der bereits zerlegte Stamm zu sehen. Ein paar Stunden später, kurz vor der Dämmerung, beobachteten wir Bewegungen im Garten. Nicht unsere Kinder, auch nicht die Nachbarn, nein, der Biber war zurück, um seine Leckerbissen abzuholen. Schnell zückte ich mein Handy und eilte nach draussen. Der Biber liess sich nicht gross stören – so konnte ich ihn filmen und durch die Gartentür in den Wald begleiten. Dort verschwand er. Das war allerdings erst der Anfang der Bibergeschichte. Zwei weitere Fruchtbäume aus unserem Garten fielen ihm zum Opfer, bevor wir Kontakt mit dem Biberverantwortlichen aufnahmen und uns entschieden, die wichtigsten Bäume einzuzäunen. Seither herrscht Ruhe.» Aber der Biber ist andernorts weiterhin unterwegs und hinterlässt im Quartier seine Spuren – kaum ein Garten aareseitig wurde von ihm verschont. Und zwischendurch kommt er einfach mal kurz zu Besuch, um sich zu vergewissern, dass man ihn nicht vergisst: «An einem lauen Sommerabend sassen wir mit Freunden am Feuer in unserem Garten, mit einem Glas Wein und im Schein der Lichterketten liessen wir den Abend ausklingen. Direkt hinter unserem Gartentörli geht’s in den Wald an die Aare, ein super schö- nes Plätzchen – das fanden wohl nicht nur wir! Plötzlich raschelte es hinter uns … Konnte das wirklich eine Katze sein? In aller Ruhe kam ein Biber hereinspaziert! Unbeeindruckt von den vielen Menschen, dem Feuer oder der Musik, die aus den Böxli ertönte, schaute er sich um und liess sich auf seiner nächtlichen Runde nicht beirren. Erst als wir uns aufstellten und ihn herauswinkten, liess er sich (in aller Ruhe natürlich) dazu bewegen, sich umzudrehen und wieder durch das Törli zu verschwinden.»
Unsere Gefühle wechseln zwischen Faszination und Ärger … Wir schätzen unseren Wohnsitz nahe an Wald und Bach, doch der Konflikt zwischen Zivilisation und Natur ist vorgeplant. Da hilft ein Blick auf die Geschichte der Biber (Quelle: «Konzept Biber Schweiz», Bundesamt für Umwelt BAFU):
Der Biber wurde Anfang des 19. Jahr- hunderts durch intensive Bejagung in der Schweiz ausgerottet. Im Jahre 1962 wurde der Biber als geschützte Art im eidgenössischen Jagdgesetz aufgenommen. Mitte des 20. Jahrhunderts setzten sich verschiedene Einzelpersonen für die Wiederansiedlung des Bibers ein, da sie die Tierart als wichtigen Gestalter dynamischer Prozesse im Ökosystem Wasser erkannten. Es wurden zwischen 1956 und 1977 an über 30 Stellen insgesamt 141 Biber ausgesetzt. Die Berechnungen des Biberbestandes werden regelmässig geprüft, und anhand dieser Berechnungen kann der Status des Bibers auf «verletzlich» zurückgestuft werden. Eine weitere Rückstufung ist wahrscheinlich. Der Biber gestaltet durch seine Tätigkeiten, wie dem Bau von Dämmen und Bauten sowie dem Fällen von Bäumen aktiv seinen Lebensraum und fördert dadurch die Strukturvielfalt sowie die natürliche Dynamik im und am Gewässer. Davon profitieren zahlreiche Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Der Biber spielt somit eine wichtige Schlüsselrolle für die Artenvielfalt der Gewässer und der angrenzenden Lebensräume.
Ja gut, und wie geht es mit unseren Fruchtbäumen weiter? Gemäss der kantonalen Biberschutzbehörde liegt das Ergreifen von Präventionsmassnahmen gegen Schäden, verursacht durch den Biber, in der Eigenverantwortung der Grundbesitzer. Sie können bei deren Umsetzung fachlich beraten werden … So gibt es nun kein neues Apfelbäumchen, sondern Apfelmus aus den vorzeitig «geernteten» Äpfeln und die Hoffnung auf den neuen Austrieb des Pflaumenbäumchens!



Publiziert in der Tellipost Nr. 517 November 2025
Text: Mirjam Bolliger
Fotos: Christof Wittwer
