Die Tellikirche: Die Blaupause für Aarau stand am Ufer
Lange wurde am Philosophenweg spekuliert: Waren die Telli-Bewohner*innen schon Jahrhunderte vor der Stadtgründung hier? Nun liegt der offizielle Untersuchungsbericht der Kantonsarchäologie vor. Er zwingt uns zwar, von einigen Mythen Abschied zu nehmen – liefert aber gleichzeitig den Beweis, dass die Telli der «grossen Schwester» auf dem Stadtfelsen architektonisch die Richtung vorgab.
In den vergangenen Ausgaben der Tellipost haben wir gespannt verfolgt, was unter dem Garten am Philosophenweg 26 zum Vorschein kam. Die dortige Kirche wurde verschieden eingeschätzt, ihr Alter hätte bis ins Jahr 861 zurückreichen können. Damit wäre die Telli die Wiege der Region gewesen.
Die moderne Wissenschaft – konkret die C-14-Analyse der gefundenen Knochen – zeichnet nun ein präziseres Bild: Die Kirche und der Friedhof wurden im Zeitraum zwischen 1173 und 1270 n. Chr. genutzt. Damit müssen wir uns zwar von der frühmittelalterlichen «Urtelli» verabschieden, doch die neuen Daten bestätigen: Als oben auf dem Felsen die Stadt Aarau gerade erst gegründet wurde (ca. 1240/1250), stand unten in der Telli bereits eine Kirche aus Stein.
Keine Holzhütte, sondern ein stolzer Steinbau
Ein spannendes Detail aus dem Bericht widerlegt die Theorie einer hölzernen Vorgängerkirche. Im Inneren wurden keinerlei Spuren, wie etwa Pfostenlöcher, gefunden. Das bedeutet: Man hat hier nicht erst klein und bescheiden angefangen. Die Kirche wurde direkt als massiver Steinbau errichtet. Das zeugt von einer gewissen Bedeutung und Ressourcenstärke der damaligen Gemeinschaft.
Der Prototyp der Stadtkirche
Der Abgang der Kirche ist besonders faszinierend, denn sie wurde nicht zerstört, sondern nach der Verlagerung des Zentrums in die befestigte Stadt sorgfältig Stein für Stein abgebaut. Die Vermutung liegt nahe, dass das Material direkt für den Bau der Stadtkirche wiederverwendet wurde. Und: Nicht nur das Material verbindet die beiden Bauten. Der Bauplan der Tellikirche ist praktisch identisch mit dem der heutigen Stadtkirche. Man kann mutmassen: Die Telli lieferte nicht nur die Steine, sondern auch die architektonische Blaupause für das Wahrzeichen der Stadt.
Die «Steinkissen» der Vorfahren
Berührend sind die Details zu den Menschen, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Im aktuellen Grabungsschnitt wurden 14 Gräber dokumentiert. Die Verstorbenen lagen nicht in Särgen, sondern auf organischen Auflagen (wohl Holzbrettern). Eine Besonderheit sind die auffälligen «Steinkissen»: grosse Steine, die den Kopf der Verstorbenen stützten. Leider bestätigt der Bericht auch, dass das Leben damals hart war: Ein grosser Teil der Bestatteten im untersuchten Bereich waren Kinder und Jugendliche.
Fazit:
Auch wenn unsere Kirche historisch etwas jünger ist als früher geschätzt, bleibt die Telli ein Ort mit tiefer Geschichte. Bevor Aarau als Stadt dominierte, wurde hier bereits gelebt, gebetet und gebaut.
(Quelle: Untersuchungsbericht der Kantonsarchäologie Aargau, Juli 2024)
Ein Sonntag im Jahr 1245: Leben im Schatten der neuen Stadt
Der Tag in der Siedlung «Zen Husen» (beim Behmen/Rain) begann oft schon vor Sonnenaufgang. An der Mühle, dem Herzen der kleinen Gemeinschaft, mischte sich in das Mahlen der Steine ein aufgeregtes Tuscheln der Nachbarn. Ihr Blick ging hinüber zum Felsen, wo der Lärm einer gewaltigen Baustelle herüberwehte: Die Grafen von Kyburg errichteten dort oben gerade die Mauern einer neuen Stadt. Niemand ahnte wohl, dass die Kyburger nur zwei Jahrzehnte später (1264) im Mannesstamm aussterben würden und Graf Rudolf von Habsburg ihr gewaltiges Erbe antreten sollte.
In der Siedlung spürte man den Aufbruch. Die dörfliche Oberschicht wie der Schmied und der Müller machten sich Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Familien. Der geplante Markt in der Stadt versprach neue Absatzwege für ihr Getreide und Handwerk. Für grundherrliche Beamte wie den Meier winkten Karrieremöglichkeiten in der neuen städtischen Verwaltung.
Auch für die Unterschicht, die Taglöhner und Mägde, bot die Stadt neue Perspektiven jenseits der starren dörflichen Hierarchien. Man erzählte sich, dass die Stadt Freiheit und Arbeit biete.
Später am Tag führte der Weg die Familien den Hang hinunter in die Telli zur stattlichen Steinkirche. Für viele Eltern war dies ein schwerer Gang, führte er sie doch direkt an den Gräbern ihrer Kinder vorbei, denn die Sterblichkeit war hoch. Der Blick der Verstorbenen blieb, auf Steinkissen gebettet, ewig der aufgehenden Sonne und der erhofften Auferstehung zugewandt.
Nach der Messe verweilte die Gemeinschaft noch am Ufer der Aare. Der Fluss war damals wild und ungezähmt, eine Brücke gab es noch nicht. Man beobachtete Reisende, die vor der gefürchteten Überquerung der Furt hastig in der Kirche Schutz suchten. Wenn die Familien abends schliesslich wieder in die Sicherheit ihrer Häuser oben in die Siedlung zurückkehrten, warf die werdende Stadt Aarau bereits ihre langen Schatten voraus – Vorboten einer neuen Zeit, die ihre Siedlung zur Vorstadt machen und ihr spirituelles Zentrum auf den Felskopf verschieben sollte. Was hätten sie wohl gesagt, wenn sie gewusst hätten, dass es nach 800 Jahren Vergessenheit wiederentdeckt würde?
Vielen Dank an Jana Lingg, Kantonsarchäologie, und Dominik Sauerländer!
Publiziert in der Tellipost 518 Februar 2026
Text: Vreni Jean-Richard
Fotos: Kantonsarchäologie Aargau

fundament), Pos 29 (Nordfundament) und Pos 45 (Ostfunda-
ment).

verschoben, was auf eine gegen unten enger werdende Grabgrube hinweist. Die
Verschiebung des rechten Unterarms und der rechten Beckenschaufel in Richtung
Körpermitte konnte nur mit einem Hohlraum entstehen.
