Eine Gondelbahn für die Telli?
Aarau entwickelt sich gerade ziemlich rasant in Richtung Zukunft. In der Telli soll in ein paar Jahren eine Schule mit rund 800 Schülerinnen und Schülern und dem nötigen Lehr- und Verwaltungspersonal stehen. In der Telli Ost werden in Zukunft rund tausend Menschen zusätzlich wohnen. Und Rohr wird sich ebenfalls weiterentwickeln. Auch in Aarau Nord entstehen immer mehr Wohnungen. Die Strassen werden voller, der Busbetrieb stösst allmählich an seine Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig wird der Ruf, sich mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln zubewegen, immer lauter. Wie rüstet sich Aarau für die Zukunft? Breitere Strassen? Sicher nicht. Mehr Tunnels? Zu teuer. Mehr Busse? Haben im Fahrplan kaum mehr Platz. Eine zusätzliche Brücke über die Aare? Fehlanzeige. Da sind definitiv kreative Lösungen gefragt. Wenn man sich in der Nähe oder auch weiter weg umschaut, gibt es ein Verkehrsmittel, das alle Nachteile gleichzeitig überwindet: Die Gondelbahn. Oder auch eine Schwebebahn, ein Schräglift oder Ähnliches. Wir haben uns etwas umgesehen.
Die Wuppertaler Schwebebahn
Zwar ist diese 125-jährige Bahn schon etwas in die Jahre gekommen. Aber nach wie vor vereint sie alle Vorteile einer kreuzungsfreien, regelmässig verkehrenden Bahn, in der auch Rollstühle, Fahrräder sowie Kinderwagen Platz finden und die zudem eine wunderbare Aussicht auf die Stadt – und die verstopften Strassen! – bietet. Sie ist 13 km lang und bedient zwanzig Stationen. Seit Jahrzehnten ist sie der touristische Anziehungspunkt der Stadt.
Minimetrò Perugia
Die Altstadt Perugias liegt auf einer Anhöhe, die mit dem zunehmenden Individualverkehr schlecht erreichbar war und unter dem hohen Verkehrsaufkommen litt. Heute ist die Altstadt mit der Minimetrò erreichbar und tagsüber für den Individualverkehr gesperrt. Die roten Wagen laufen auf Gummirädern und werden an einem Seil gezogen. Die Kabinen können jeweils rund fünfzig Personen transportieren. Die Minimetrò funktioniert – wie die Metro M2 in Lausanne – vollautomatisch und verkehrt etwa alle zweieinhalb Minuten.
Die Metrocable Medellin
In der zweitgrössten Stadt Kolumbiens ergänzen sechs Seilbahnlinien das städtische Metronetz. Es ist das grösste Seilbahnsystem des öffentlichen Verkehrsnetzes weltweit und wurde in den Jahren 2004 – 2021 sukzessive gebaut und erweitert. Es umfasst heute zwanzig Haltestellen und hat eine Gesamtlänge von gegen 15 km.
Aaregondel bei Solothurn
In der Gegend des solothurnischen Attisholz entsteht gerade ein grösserer, urbaner Stadtteil. Die Erschliessung über die üblichen Verkehrsbetriebe schien eher schwierig, zumal die Busse im täglichen Berufsverkehr stecken bleiben würden. In diesem Kontext wurde eine Studie für eine Anbindung durch eine städtische Gondelbahn erstellt. Bis zu 2000 Personen, Velos oder Kinderwagen hätte sie pro Stunde transportieren können. Die Bahn hätte zehnmal weniger Kosten als eine Kantonsstrasse der gleichen Länge verursacht. Leider lehnte der Regierungsrat 2023 das Projekt ab mit der Begründung, er schätze den Nutzen für den öffentlichen Verkehr tiefer ein als die Initiant*innen. Die Verfahrensrisiken würden die Chancen deutlich überwiegen.
Eine Gondelbahn für das Bäderquartier?
Auch in der Stadt Baden gab es ein Gondelbahnprojekt durch die Parkstrasse ins Bäderquartier. Der Initiant und damalige Leiter der RVBW (Regionale Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen) Stefan Kalt sagte damals: «Die Seilbahn geniesst gegenüber dem Bus einen grossen Vorteil: Der Anschluss ist immer gewährleistet. Dauernd kommt eine Gondel, man muss sie nicht auf Verkehrsmittel ausrichten. Eine Seilbahn ist zudem attraktiv.» (Baden aktuell, 3/2020)
Die alte Zementtransportbahn in Aarau
Für Aarau wäre eine Gondelbahn über die Aare nichts Neues. Vor mehr als 125 Jahren wurde bereits eine Zementtransportbahn von den Jura-Cement-Fabriken Zurlinden & Co. erstellt, die mitten durch die Telli zum Güterbahnhof hinaufführte. Auf dem Foto von 1925 sieht man die Gondelbahn ungefähr auf dem Gelände der heutigen Berufsschule.
Ein topmodernes Verkehrsmittel für Aarau
Ein Verkehrsmittel, das in Aarau die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte erfüllen müsste, sollte mehrere Ansprüche erfüllen. Da wäre einmal aus der Sicht des Telliquartiers eine Entlastung der Busbetriebe, die heute schon zu Stosszeiten überfüllt sind. Gleichzeitig sollte das stetig wachsende Wohngebiet Aarau Nord besser an die Stadt angebunden werden. Das neue Oberstufenzentrum, das Einkaufszentrum, aber auch das KIFF respektive das Entwicklungsgebiet Aarau Ost sollten bedient werden können. Die Ziel- und Startorte müssten ebenso den Bahnhof wie die Altstadt erreichen. Wenn man diese Ansprüche zusammenfasst, wären als Endpunkte die Aarenau bzw. der Bereich Kasinopark prädestiniert. Die Telli müsste eine zentrale Zwischenstation erhalten, idealerweise im Bereich der Berufs- resp. Oberstufenschule und des Einkaufszentrums.
Vorbild Câble C1 in Paris
Welche Vorteile ein derartiges Projekt mit sich bringen kann, zeigt die Câble C1, welche im vergangenen Dezember in Paris eröffnet wurde. Ihr Startbahnhof befindet sich direkt über der Metrostation. Sie ist supermodern, hell und leicht zu erreichen. Mit der elektronischen Fahrkarte, die im städtischen Metronetz integriert ist, erreicht man die geräumigen Gondeln genauso wie bei uns in den Bergen. Die Gondelbahn bewegt sich mit 6 m/s hoch über den verstopften Strassen, quer über Kreuzungen und die Eisenbahn, zwischen Wohnhäusern und über grüne Parks. Sie ist gesamthaft etwa 4.5 km lang. Die Stationen sind ökologisch vorbildlich gestaltet, die Aussicht ist phänomenal – das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen.
Weit über die Stadt geht der Blick bis zur Notre-Dame und zum Eiffelturm; die Bahn hat also durchaus auch touristische Qualitäten. Werktags ist sie sehr gut frequentiert und wird offensichtlich als Pendlerbahn genutzt. Am Wochenende dient sie Freizeitsportler*innen und Ausflüglern, die von A nach B, sprich von der Peripherie in die Stadt oder umgekehrt wollen.
Übrigens: Der Bau einer Gondelbahn kostet rund zehnmal weniger als der Bau eines Tunnels.
Publiziert in der Tellipost 519 Mai2026
Text: Hansueli Trüb
Fotos: Verschiedene









