Neuer Telli-Duft: Gute Ideen sorgen für dicke Luft
Wer in der Telli wohnt, ist seit jeher an eine gewisse Geruchskulisse gewöhnt. Früher waren es die ungeklärten Abwässer der Stadt, die die Aare hinunterflossen, heute ist es gelegentlich die Kläranlage (ARA), die uns ein «Grüessli» schickt. Seit einigen Monaten hat sich jedoch eine neue Note in das olfaktorische Potpourri unseres Quartiers gemischt: Ein wiederkehrender Geruch nach Kompost und Grüngut, begleitet von einem stetigen Lärmpegel, geht von der neuen Biogasanlage an der Neumattstrasse aus.
Ein Projekt mit breiter Akzeptanz
Dabei ist eines klar: Die Idee hinter der Biogasproduktion wird begrüsst. Sie gilt als moderne und zukunftsweisende Energieform, die aus regionalem Grüngut umweltfreundlich Strom und Wärme erzeugt. Wohl auch deshalb gab es gegen das 35-Millionen- Franken-Projekt kaum nennenswerten Widerstand, obwohl es in dicht besiedeltem Gebiet gebaut wurde. Die Anwohnenden gaben dem Vorhaben einen grossen Vertrauensvorschuss.
Die Realität riecht und klingt anders als versprochen
Im Bewilligungsverfahren wurde zugesichert, dass die Anlage weder Lärm noch Geruch verursachen würde. Ein Unterdrucksystem sollte dies sicherstellen, und es hiess sogar, die Anlage würde weniger Gerüche ausstossen als ein Privathaushalt. Doch seit dem Start im Frühjahr sieht die Realität anders aus. Anwohnerinnen und Anwohner in Teilen der Telli und sogar in Rohr berichten von einer zeitweise «massiven und unzumutbaren Geruchsund Lärmbelastung». Die AZ berichtete mehrfach, auch TeleM1. Auch wenn die Belästigung nicht dauerhaft ist, ist sie doch ein wiederkehrendes Thema in den Quartierchats. Interessanterweise sind nicht alle Wohnungen gleich stark betroffen, und nicht alle fühlen sich gestört. Doch für jene, die darunter leiden, ist die Situation belastend. Die Betreiberin, die Green Power Aarau AG, erklärt die Probleme mit der «Hochfahrphase» der Anlage. Die biologische Reinigung im Luftwäscher müsse sich erst aufbauen, was Zeit brauche. Bis Ende Jahr möchte man die Situation im Griff haben.
Politische Anfrage soll Klarheit schaffen
Um grundsätzliche Fragen zu klären, wurde kürzlich von drei SP-Einwohnerratsmitgliedern aus der Telli eine Anfrage beim Stadtrat eingereicht. Die Anfrage zielt darauf ab, mehr über die Hintergründe der aktuellen Situation zu erfahren. So soll geklärt werden, was im Bewilligungsverfahren bezüglich Emissionen tatsächlich zu erwarten war und ob ein Szenario wie das jetzige überhaupt in Betracht gezogen wurde. Weiter interessiert, wie das Krisenmanagement der Stadt aussieht, insbesondere die Koordination und Kommunikation mit der Bevölkerung. Schliesslich sollen aus der Situation Lehren für zukünftige Projekte im Quartier gezogen werden.
Ein Weckruf mit Blick auf die ARA-Erweiterung
Die Angelegenheit hat besondere Brisanz, weil direkt nebenan das nächste Grossprojekt geplant ist: die Erweiterung der Kläranlage (ARA). Die politische Anfrage will deshalb auch sicherstellen, dass die Erkenntnisse aus der aktuellen Situation direkt in die Planung der ARA-Erweiterung einfliessen. Es stellt sich generell die Frage, ob die Richtlinien für Industrieanlagen in Wohngebieten verschärft werden müssen, insbesondere was die Überprüfung von Emissionsprognosen angeht.
Massnahmen gegen Lärm und Geruch
Laut Stadtbaumeister Jan Hlavica hat die Stadt engen Kontakt mit Greenpower AG, um die Lärm- und Geruchsemissionen zu beheben. Bei den Abnahmen ist auch die kantonale Abteilung Umwelt involviert. Gegen den Lärm wurden bereits konkrete Schritte unternommen: Drei Kamine sind mit Schallschutzmatten ausgekleidet und der Elektromotor am Fermenter wurde mit Dämmmatten eingehaust. Zudem wurden erste Schallschutzwände bei der Gasaufbereitung installiert. Bis Ende November sollen sämtliche aussenliegenden Motorenteile zusätzlich gedämmt werden. Die Geruchsemissionen gestalten sich schwieriger. Biologische Prozesse sind träge, und die Bakterienkulturen benötigen mehrere Wochen, um sich auf Veränderungen einzustellen. Dennoch sind auch hier technische Anpassungen in Umsetzung: Die Lüftungsgitter werden optimiert und das System wird mittels eines Unterdrucksensors konstant überwacht.
Durchatmen – oder sich melden
Die Hoffnung in der Telli ist gross, dass diese Massnahmen greifen und wir bald wieder durchatmen können. Wem es trotzdem – im wahrsten Sinne des Wortes – «stinkt», sollte sich lieber melden, als die Faust im Sack zu machen. Bei der Stadtverwaltung ist das Stadtbauamt (baubewilligungen@ aarau.ch) zuständig, oder man informiert Greenpower direkt (info@greenpoweraarau. ch). Beide Stellen versprechen eine persönliche Rückmeldung.

Publiziert in der Tellipost Nr. 517 November 2025
Text: Vreni Jean-Richard
Fotos: Michael Andres
