Sengelbach im Umbruch
Wir leben mit Veränderungen. Es ändert die Bevölkerung, der Verkehr, das Einkaufszentrum, die Schulen oder die Tellipost usw. Ursachen sind überall vielfältig. Viele Akteure beteiligen sich am Geschehen. Sie versuchen, Verbesserungen zu erreichen oder negative Entwicklungen zu verhindern, Geschätztes zu erhalten, Neues zu schaffen oder Veraltetes abzuschaffen. Auch am Sengelbach wurde in den letzten Jahren/Jahrzehnten vieles anders. Aufwertungen wurden vorgenommen, Biber haben einiges umgestaltet, Pflegeaktionen veränderten das Erscheinungsbild, Pilze liessen Bäume absterben, Risiken führten zu Baumfällungen, Neophyten verdrängten Einheimisches usw. Trotz oder wegen des steten Wandels behielt der Sengelbach seine Qualitäten, ein wertvoller Erholungsraummit einer grossen Biodiversität.
Neu droht eine Entwicklung, die den Sengelbach als Ganzes in Fragestellt – der Klimawandel. Dass unser Quartierbach in Zukunft noch genügend Wasser zum Leben erhält, ist nicht mehr selbstverständlich. Der Sengelbach ist abhängig von der Suhre. Von ihr wird das Wasser abgezweigt und gelangt über das Stadtbachsystem in unser Quartier.
Der Klimawandel beeinflusst die Wasserführung der Suhre und damit diejenige des Sengelbaches. In den letzten Jahren ist es immer wiedervorgekommen, dass die Suhre ungenügend Wasser führte und in der Folge dem Stadtbach viel weniger Wasser zugeteilt werden konnte.
Sollte diese Entwicklung anhalten, wird das wassergebundene Leben im und am Sengelbach stark geschädigt oder gar verschwinden. Der Sengelbach hat über grössere Strecken ein breites Bachbett, das von einer vielstärkeren Wasserführung geprägt wurde. Eine geringer werdende Wassermenge führt dazu, dass sich das Wasser stärker aufwärmt, dass die Wassertiefe geringer wird und sich durch die kleinere Strömungsgeschwindigkeit vermehrt Schlamm ablagert.
Diese Entwicklung könnten wir als zumindest teilweise natürlichen Prozess zur Kenntnis nehmen, ohne dass wir versuchen, das Geschehen in diesem Zusammenhang zu beeinflussen.
Der Aarauer Bachverein suchte einen anderen Weg und setzte sich zum Ziel, Vorkehrungen zu treffen, um die negativen Auswirkungen von Wassermangelsituationen zu reduzieren. Massnahmen sollten getroffen werden, dass zumindest bis zum drohenden Versiegen des Wasserzuflusses der momentane Charakter des Baches erhalten oder gar noch verbessert werden kann.
Da wir die Ursache der Probleme, die Wasserführung, nicht (mehr) beeinflussen können, bleiben Massnahmen am und im Bachbett. Die Frage ist, wie mit einer geringeren Wassermenge die heutigen Qualitäten des Sengelbaches in Bezug auf die Naturvielfalt, den Erlebniswert aber auch auf den Unterhalt gehalten oder garverbessert werden könnten. Dabei ist klar, dass wir das Problem nichtgrundsätzlich lösen können, jedoch für die kommenden Jahrzehnte eine Verbesserung erreichen wollen.
Eine Umgestaltung eines Baches ist eine komplexe Aufgabe. Viele Akteure sind daran beteiligt. Ohne die Unterstützung verschiedener Fachstellendes Kantons, von Liegenschaftsbesitzern, denen die Uferbereiche auf beiden Seiten des Baches gehören, können solche Projekte nicht realisiert werden.
Der Sengelbach fliesst mitten durch das Telliquartier, sein Wasser bekommt er vom Stadtbach. Da liegt es auf der Hand, dass auch die Stadt Aarau (Einwohner- und Ortsbürgergemeinde) miteinbezogen werden muss. Miteinzubeziehen ist auch die Bevölkerung, speziell die Tellianer*innen, die mit dem Bachleben, seine Qualitäten schätzen und sich hin und wieder auch mit Schattenseitendes Gewässers wie Biberschäden, Abfällen oder Brennnesseln auseinandersetzen müssen.
Das Projekt, wie es schon in der Tellipost Ausgabe August 25 vorgestellt worden ist, konnte dank der Unterstützung von allen mitverantwortlichen Fachstellen im September realisiert werden. Das Bachbett wurden einigen Stellen mit möglichst natürlich erscheinenden Massnahmeneingeengt, sodass eine stärkere Strömung entstehen und in der Folge auch lokale Vertiefungen im Bachbetterwartet werden können.
Damit werden Pflanzen und Tiere unterstützt, die auf stärkere Strömung angewiesen sind. Einige davonsind heute schon stark gefährdet. Wertvolle Standorte mit artenreicher Pflanzen- und Tierwelt wurden geschont und neue begünstigt. An verschiedenen Stellen ist nun auch der Zugang zum Gewässer bessermöglich. Neue Beobachtungsstandorte geben mehr Möglichkeiten, das Leben am und im Bach kennen zulernen. Ob wir mit den Revitalisierungsmassnahmen die von uns gesteckten Ziele erreichen, ist nicht sicher. Zu komplex ist die Natur, zu vielfältig sind die Einwirkungen von uns Menschen, als dass wir sichere Prognosen geben könnten. Das Projekt ist also ein Versuch einer positiven Beeinflussung mit ungewissem Ausgang. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung kritisch zu beobachten und kommende Veränderungen mit den Zielen des Projektes zu vergleichen. Auf jeden Fall ist damit zurechnen, dass wir uns weiterhin für «unseren» Bach werden engagieren müssen, wenn wir seine Qualitäten erhalten oder weiter verbessern wollen.









des Suhrewassers in den Stadtbach oberhalb von Suhr

Publiziert in der Tellipost Nr. 517 November 2025
Text: Peter Jean-Richard, Aarauer Bachverein
Fotos: Peter Jean-Richard und Andere
