Von der Idee zur Realität – ein Hindernislauf mit Verzögerungen
Es ist kaum zu glauben: Vor 40 Jahren reichte der Quartierverein erstmals eine Resolution zum Thema Entlastung der Tellistrasse an den Stadtrat ein. Oder: Vor rund sieben Jahren wurden die Quartiere Aaraus aufgerufen, Eingaben für Begegnungszonen einzureichen. Noch ein Beispiel? Die Sanierung des Telliplatzes, ursprünglicher Eröffnungstermin: Tellifest 2025. Und was ist seither gegangen? Von der Idee zur Realität ist oft ein langer Weg. Ein Versuch einer politischen Analyse.
Die endlosen Geschichten
Wenn man politische Abläufe verfolgt, versteht man manchmal die Welt nicht. Da wird geplant und beobachtet, da werden teure Gutachten erstellt und noch teurere Expertisen eingeholt, da werden (vor allem vor Wahlen) Versprechen abgegeben und Behauptungen aufgestellt, es wird von Partizipation gesprochen und von Echogruppen. Es werden Formulare gedruckt und Webseiten gefüllt, Testphasen durchgeführt und Datenbanken erstellt. Und wann wird gehandelt? Darauf kann man oft jahrelang warten.
Was läuft heute in der Verwaltung respektive den politischen Prozessen falsch? Kann es so schwierig sein, ein paar Farbflächen auf eine Strasse zu malen und drei Schilder aufzustellen? Muss die Verbreiterung einer Fussgänger- und Velobrücke eine jahrelange Planungsphase durchmachen? Gibt es in der heutigen Gesellschaft wirklich keine pragmatischen Ansätze mehr? Manchmal wünscht man sich etwas mehr Augenmass, Verhältnismässigkeit oder schlicht Mut, Dinge mit kurzem Vorlauf umzusetzen.
Tellistrasse
Am 6. März 1986 beschloss der Quartierverein Telli zuhanden Stadtrat eine Resolution mit der Forderung, «die zur Erschliessung des Telliquartiers gebaute und grösstenteils von den Anstössern bezahlte Tellistrasse vom Durchgangsverkehr zu befreien». 1993 wurde der Bevölkerung Aaraus der Sauerländertunnel zur Abstimmung vorgelegt. Um dem Stimmvolk den Kredit schmackhaft zu machen, wurde dem Telliquartier versprochen, dass die Tellistrasse anschliessend von einer Durchgangsstrasse zu einer Quartiersammelstrasse herabgestuft und umgestaltet würde.
Und was ist seither geschehen? Das Telliquartier ist gewachsen, der Verkehr hat zugenommen, der Transit- und Schwerverkehr zwängt sich noch heute mitten durch das Quartier. Zu Berufszeiten stehen die Busse überfüllt und blockiert in den Autokolonnen. Die Ampeln funktionieren noch heute nicht intelligent, sondern nach einem starren Muster. Einzige Ausnahme ist der Bus. Und die motorisierten Kund*innen des Einkaufscenters kommen teilweise von weither, weil sie hier noch immer drei Stunden gratis parken dürfen. (Weshalb eigentlich?)
Man weiss, dass Hitzeinseln heute katastrophale Auswirkungen haben. Die Tellistrasse ist ein breites Asphaltband ohne irgendwelche Schatten. Wie lange müssen wir noch auf die neue Tellistrasse warten?
Wie aus einer guten Idee ein billiges Pflästerchen wird
Im Herbst 2019 hat der Stadtrat mit grosser Aufmachung und Medienartikeln die Stadtbevölkerung dazu aufgerufen, Anträge für Begegnungszonen einzureichen. Man sollte in der entsprechenden Strasse Unterschriften sammeln und an die Stadt einreichen.
Der Quartierverein Telli hat sich mit Elan eingesetzt, binnen weniger Wochen die nötige Unterschriftenzahl bei den Anwohnerhaushalten gesammelt und der Stadt Ende November 2019 eingereicht. Danach hörten wir nichts mehr. Eine erste Nachfrage im Mai 2020 ergab, dass eine grössere Zahl von Gesuchen eingereicht worden sei und dass die Kapazitäten seitens der Stadt vorerst ausgeschöpft wären. Unsere Eingabe sei nicht zuoberst, wir würden im September 2020 orientiert, dann sollte es voraussichtlich soweit sein. Eine weitere Nachfrage im Herbst lautete, es würde anfangs 2021. Im Januar 2021 hiess es dann, im Mai würden wir über das weitere Vorgehen orientiert, dann sollte es aller Voraussicht nach endlich vorangehen. Später hiess es, unser Anliegen würde spätestens 2023 und 2024 angegangen.
Im Dezember 2025 bewegte sich dann plötzlich etwas: Ein paar Schilder wurden aufgestellt, ein paar blaue Kreise auf den Asphalt aufgemalt … In der Zwischenzeit war dem ein desillusionierender Austausch von Ideen vorausgegangen. Die Stadt brachte die jetzt umgesetzten Entwürfe. Eine Arbeitsgruppe aus dem Quartier versuchte mehrmals, bunte, kreative Ideen einzubringen, die mit Kindern und Freiwilligen hätten umgesetzt werden können. So etwas ist in Aarau nicht erwünscht. Alle Begegnungszonen müssen genau gleich aussehen. Andernorts gibt’s Beispiele, wie so etwas gemacht werden könnte. Warum denkt Aarau so engstirnig und kleinkariert? Weshalb werden Initiativen aus der Bevölkerung abgeklemmt anstatt begrüsst?
Vom Quartierzentrum zum Abstellplatz
Es war einmal vor gut fünfzig Jahren eine visionäre Planung eines neuen Stadtteils in der Telli. Ein neuer Stadtteil brauchte ein neues Quartierzentrum, einen Begegnungsplatz. Dieser wurde grosszügig und mit Kunst am Bau realisiert: Ein riesiges Wasserrad dominierte den neuen Telliplatz hinter dem Gemeinschaftszentrum, ein Wahrzeichen für das Quartier.
Zwei Jahrzehnte später störten die Geräusche des Wasserrads die Bewohner*innen. Das Rad wurde ersatzlos demontiert und verschrottet. Seither ziert ein Bodengitter die Stelle, wo einige Meter tiefer der eingedohlte Sengelbach fliesst. Niemand merkt das.
In der Zwischenzeit ging viel Zeit durchs Land. Das ältere Polizeigebäude wurde erweitert, ein neues wurde (mit Verzögerung) dazu gebaut, das Neualte muss schon wieder geflickt werden, das Einkaufszentrum wird (mit erheblicher Verzögerung) saniert. Seit Jahren wird der Telliplatz als Bau- und Parkplatz benutzt, auf dem jede*r seinen Wagen hinstellen kann, wenn das für den Bau gerade praktisch ist.
Aber die Stadt verspricht, dem Telliquartier einen neu gestalteten Quartierplatz zu bauen. Dieser wurde allerdings durch oben erwähnte Verzögerungen Jahr für Jahr nach hinten geschoben. Ursprünglich war die Rede von der Eröffnung im Sommer 2025. Heute spricht man von 2029. «Ein pünktlicher Baubeginn müsse dann mit den Abhängigkeiten zur Kantonsbaustelle im Detail koordiniert werden», heisst es. Weitere Verzögerungen sind wohl bereits vorauszusehen.
Verpasste und neue Chancen
Bündten sind kleine Gärten, die der Bevölkerung von der Stadt (Ortsbürger) zu sehr günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt werden, damit die Menschen sich erholen können, damit sie mit den Händen in der Erde wühlen oder sich einfach entspannen, vielleicht sogar ihr eigenes Gemüse anbauen können. Das ist gerade heute in der eng getakteten Zeit wichtig, zwischen den immer enger werdenden Häuserschluchten, als Auszeit zu stundenlanger Arbeit vor den Monitoren.
In der Telli steht die grösste derartige Anlage mit 70 Bündten eingezwängt zwischen Abwasserreinigungsanlage, Werkhof, Green Power und der Tellisiedlung Neuenburgerstrasse, gesäumt vom Sengelbach. Jahrelang wurde dort der Boden mit Pestiziden, Herbiziden und Plastikabfällen malträtiert – die Stadt schaute weg. Und seit Jahren hiess es, die Bündten würden spätestens 2030 aufgehoben, weil dann die Abwasserreinigungsanlage erweitert werden müsste.
Wie es mit der neuen Abwasserreinigungsanlage weitergeht, ist zur Zeit ungewiss. Klar ist, dass man die Bündten in der Telli erhalten muss. Und da haben jetzt die Stadt resp. die Ortsbürger endlich einen längst fälligen Schritt nach vorne getan. Die Stadt hat ihre Verantwortung unseren Böden gegenüber übernommen und verlangt, dass in Zukunft die Bündten biologisch bewirtschaftet werden müssen. Ohne Pestizide, ohne Torf, ohne Neophyten, ohne Bewegungsmelder und Zäune, dafür im Sinne der städtischen Biodiversitätsstrategie. Bravo! Ein Bündtenkontrolleur soll die Einhaltung der neuen Vorschriften überwachen. Hoffen wir, das gelingt und er kann auch mit Know-how dort nachhelfen, wo Leute die Regeln des biologischen Landbaus noch nicht gut kennen.
Unausgegorene Ideen stinken
Als das Projekt der Biogasanlage von Green Power der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden musste, wusste die Stadt, worum es ging: Man musste den Goodwill der Anwohner*innen und des Quartiers gewinnen, sollte diese Mammutanlage doch in unmittelbarer Nähe zu den Wohnzeilen der Mittleren Telli erstellt werden. Die Anlage würde nicht mehr als ein normaler Haushalt riechen, wurde uns versprochen.
Im Mai 2025 lief die Anlage an. Und es stank beträchtlich. Green Power versprach, bis Ende 2025 würden sich die Bakterien anständig verhalten. Dann würde man die Emissionen im Griff haben. Ende Jahr wurden wir auf das Frühjahr vertröstet. Dann hiess es, die Messungen könnten erst im Sommer gemacht werden. Nun spricht man von Ende 2026 oder Februar 2027. Schuldige findet man bei einer Firma, deren damals Verantwortliche nicht mehr da sind. Es werden Fachleute beigezogen, Messungen gemacht, Riechproben durchgeführt, Gutachten erstellt, Anpassungen vorgenommen.
An einer Orientierung im Mai 2026 wird vom seinerzeitigen Bewilligungs- und Bauablauf gesprochen, es wird erklärt, was ein Gestank sei und was nicht, wie sich der eine Gestank vom andern unterscheide, dass wir Bewohnerinnen subjektiv wahrnehmen würden und nicht expertinnengenau. Kurz: Die Tellianer*innen werden vertröstet und für nicht ganz zurechnungsfähig erklärt. Wird ein Plan B vorgelegt? Werden Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen? Fehlanzeige.
Wie man mit einem Dschungel von Vorschriften Eigeninitiativen abwürgt
Seit rund zehn Jahren hole ich jeweils bei der Stadt die Bewilligung für das Tellifest ein. Anfänglich war das ein einfaches Schreiben, welches kurz darauf ohne Umstände bewilligt wurde, weil es sich ja quasi um ein Copy-Paste des Vorjahres handelte: Gleicher Anlass, gleicher Ort, gleicher Umfang, gleiche Verantwortliche.
Dann kam Corona: Plötzlich mussten die Essensstände mit Schutzglas abgedeckt werden. Dann kamen Gasprüfungsvorschriften dazu, dann Abfallvermeidungsvorschriften, Mülltrennung, ein Ressourcenformular. Dann mussten Verantwortliche (für jeden Einzelbereich) sowie deren Stellvertretung namentlich genannt werden (mit Erreichbarkeit und Mobilnummer). Und dann kam Crans Montana. Jetzt gibt’s plötzlich eine völlig neue Feuerwehrzufahrt quer über das Festgelände.
Die diesjährige Bewilligung umfasst 9 Seiten plus 7 teilweise mehrseitige Zusatzformulare, total 29 Seiten, häppchenweise in mehreren Mails und mit Nachforderungen geliefert. Wer liest das? Wer hat Lust, sowas auszufüllen? Mit einem derartigen Vorschriftendschungel bremst die Verwaltung Freiwillige aus, klemmt sie persönliches Engagement in Vereinen ab. Da wäre dringend eine Entschlackung angesagt.
Es ist offensichtlich, dass unsere Zeit nicht einfacher wird. Die Unsicherheit der Behörden vor Fehlern wächst. Der Gang zur Justiz wird immer kürzer – die Jurist*innen wollen ja auch gelebt haben. Die Gesellschaft ist empfindlicher, die Beschwerden nehmen zu. Auch die Verwaltung wird immer komplexer, politische Entscheide dauern deshalb immer länger. Da freut man sich, wenn einmal geäusserte Anliegen nach Jahren plötzlich Früchte tragen (Bündten), und man hofft, dass Initiativen aus der Bevölkerung durch die Behörden unterstützt und vereinfacht anstatt behindert werden. In dieser Beziehung ist der Ruf nach Reduktion des Verwaltungsaufwands verständlich. Pragmatische Lösungen ersetzen den Amtsschimmel.
Publiziert in der Tellipost 520 August 2026
Text: Hansueli Trüb
Fotos: Hansueli Trüb / Stadt Aarau





