Wässermatten: eine verschwundene Kulturlandschaft

Ich wohne im Einfamilienhausquartier in der Oberen Telli in einem Haus mit Baujahr 1939. Seit den 1920er-Jahren wurden hier Einfamilienhäuser und später auch Mehrfamilienhäuser errichtet. Gebaut wurde auf feuchtem Grund: Die ganze Telli war einst von Bächen und Kanälen durchzogen, die Wasser auf die Wiesen führten. Diese dehnten sich nicht nur in der Telli, sondern auch entlang der Suhre und im Rohrer Schachen aus.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der Telli nur wenige Häuser. Sie gehörten zu vier Fabrikanlagen und drei Bauernhöfen. Sonst sah man vor allem Wiesen. Hier wuchs das Futter für das Vieh. Um den Ertrag zu steigern, düngte man das Wiesland mit nährstoffreichem Wasser aus dem Stadtbach, dem Sengelbach und auch aus der Suhre. Ein verästeltes System an Kanälen, Gräben und Nebengräben führte das Wasser auf die Wiesen. Diese Bewirtschaftungsform nennt man Wässermatten. Sie existierte seit dem Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Entlang der Suhre wurden in den 1940er-Jahren zur Verbesserung des Ackerbaus der Grundwasserspiegel abgesenkt und der Flusslauf korrigiert. Dadurch entstand fruchtbarer Ackerboden, die Wässermatten verschwanden. In der Telli passierte diese Veränderung sogar noch etwas früher. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden durch die Juragewässerkorrektion und die Tieferlegung der Aare Überflutungen seltener. Damit wurde nicht nur Ackerbau, sondern vor allem auch der Bau grösserer Wohnsiedlungen möglich, die auch hier die Landwirtschaft allmählich verdrängten.

Wer sich für die alte Kulturlandschaft der Wässermatten interessiert, kann einen Spaziergang entlang der Suhre von der Suhrebrücke flussaufwärts bis nach Suhr unternehmen. Hier standen einst Stauwehre im Flusslauf, die Wasser aus der Suhre zu den Industriebetrieben, Mühlen und auch in die Kanäle der Wässermatten leiteten. An den Standorten der abgebauten Wehre stehen jetzt Informationstafeln, welche Auskunft über die Funktion dieser Anlagen geben. Und wer noch funktionierende Wässermatten sehen will: Nördlich und südlich von Langenthal im Kanton Bern werden sie noch bewirtschaftet.


Publiziert in der Tellipost 519 Mai2026
Text: Dominik Sauerländer
Fotos: Verschiedene